Das Jahr, das mein Leben veränderte

Inna / Ukraina

Inna / Ukraina

Liebe Freunde, dieses Jahr war nicht einfach, besonders für mich als Ukrainerin. Dieses Jahr war nicht einfach für mich als Mensch, als Sängerin und als Schreiberin. Die Revolution auf dem Maidan hat mein Selbstverständnis als Ukrainerin und gleichzeitig als Europäerin kardinal verändert. Seit Jahren lebe ich abseits der Politik, gerüstet mit der üppigen Portion des wie ich dachte gesunden Skeptizismus wenn nicht schon Zynismus. Die Enttäuschung über ukrainische, aber auch die deutsche Politik saß tief. Es war viel einfacher zu sagen: „Sie lügen alle“ und keinen weiteren Gedanken darüber zu verschwenden.
Auch die Ereignisse auf dem Maidan liessen mich vorerst kalt, aber dann fing ich an immer mehr und immer vielseitiger mich darüber zu informieren.
Ich rief meine Freunde und Verwandte in der Ukraine an und das veränderte alles. Die älteren Verwandten hatte offensichtlich Angst und schalteten in den alten „sowjetischen“ Modus um. Am Telefon wird Nichts besprochen! Das machte mich stutzig und ich rief meinen Freunden aus der Schule und Uni an. Hier war auch viel Angst, aber es war die andere Angst. Angst, dass die Veränderungen aufgehalten werden. „Man kann so nicht leben, Inna“, sagte meine Freundin, die mit ihrem Vortrag über den genialen russisch-jüdischen Dichter Osip Mandelstam eine Welle der Begeisterung auf dem Symposium in Warsaw ausgelöst hat.  „Das ist kein Leben“, – fuhr sie fort „mein Herz schlägt für Maidan, vielleicht fahre ich doch nach Kiev!“… Ich wusste sofort, wenn ich jetzt noch in der Ukraine wäre, würde mein Herz auch für Maidan schlagen und ich würde höchstwahrscheinlich doch nach Kiew fähren.
Ich schlief nicht mehr und las, schaute, hörte alles was über Ukraine zu lesen, sehen und hören war. Und dann fielen die Schüsse, die „himmlische Hundert“ der getöteten „Maidanovzev“ wurde zu den Heiligen der neuen Ukraine.

Ich heulte nur… auch jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, habe ich Tränen in den Augen. Wie konnte das passieren?! Wie könnte das Blut vergossen werden?!! Es waren Studenten, Wissenschaftler, Lehrer und Schauspieler… Das könnte auch ich gewesen sein…

Das Gesicht des am 20.02.14 getöteten jungen Mannes veränderte mich. Er sah genau so aus wie der Junge in den ich in der Schule verliebt war. Diese glatte schwarze Haare und verschmitzte Lächeln seinen klugen Augen haben mich damals verzaubert… Jetzt  war es auf der Welt einen solchen Jungen weniger…
Ich weinte Tag und Nacht, aber das Leben ging weiter und die Geschichte blieb nicht stehen. Zuerst Krim, dann Donbass. Das schwierigste war aber dass die Russische sprechende Menschen sich gewaltig verändert haben. Früher alleine die Sprache war ein Zeichen für die mögliche Freundschaft, jetzt ist Russisch zu einem Gefahrzeichen geworden. Zuerst könnte ich nicht glauben, dass die klugen, gebildeten Menschen ihren Glauben der recht plumpen russischen TV-Propaganda schenkten. Aber je mehr ich mich mit der Materie befass, desto weniger wunderte ich mich. In Deutschland, Ruanda, Türkei und anderen Ländern war die Propaganda sehr erfolgreich, sie führte zu den schlimmsten Genoziden in der 20 Jahrhundert. Warum soll sie jetzt in Russland nicht funktionieren…?

Ich musste was tun, aber was?! Ich schrieb neue Songs. Der Song „Revolution“ erzählt von meiner eigenen Revolution, von der Revolution, die durch die Ukraine in mir ausgelöst wurde.

Ich schrieb weiteren Songs und viele anderen Texte, vielleicht wird eines Tages sogar ein Buch daraus. Ich bin noch ganz am Anfang. Ich weiß ganz genau was zu tun ist, vielleicht zum ersten Mal seit vielen Jahren. Ich habe meinen Weg gefunden. Das ist der Weg der Freiheit, der Verantwortung, der Kreativität und der harten Arbeit. Ich weiß nicht ob ich es schaffe diesen Weg zu gehen, bis jetzt war ich nicht sonderlich erfolgreich darauf, aber, wenn es auch sehr emotionell zu klingen vermag, mein Herz sagt mir, dass es der richtiger Weg ist.

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